Ich bin voller Widersprüche…Nee, doch nicht

Ja, ich habe lange nichts mehr geschrieben. Obwohl ich die ganze Zeit geschrieben habe. Allerdings nicht hier sondern für ein analoges Medium – viele Kinder kennen das ja gar nicht mehr. Das nennt sich Buch und ist so etwas ähnliches wie ein eBook. Man muss nur das e wegstreichen und Book mit Buch übersetzen, dann hat man so ein Buch wie meins.

Leider gibt es das Buch nicht als eBook, also wird die nachwachsende Generation wohl nie davon erfahren, dabei hat sie vermutlich ähnliche Probleme wie ich sie in meinem Werk beschreibe. Es geht nämlich um mein Leben mit Entscheidungshemmung und heißt
„Ich bin eine Frau voller Widersprüche…Nee, doch nicht“.

Ich kann mich nämlich ganz oft nicht entscheiden, was ich möchte. Das war bei meinem Buchcover auch so. Da habe ich dem Verlag mein OK gegeben und hinterher dachte ich
„Ach du Scheiße, wie dämlich kann man eigentlich von so einem Buch herunter grinsen.“
Aber da war es schon zu spät. Deshalb habe ich einen befreundeten Buchdesigner gebeten mir eine neues Cover zu machen. Und zwar eins auf dem anders gegrinst wird. Ich finde die neue Idee super und bin mir ziemlich sicher, dass ich meine Meinung hier nicht mehr ändern werde.

So viel dazu.
Es wird noch ein bißchen dauern bis hier wieder etwas Neues  steht. Ich muss den Geschichtenbeutel erst mal wieder auffüllen, aber in der Zwischenzeit kann man sich gern
mit meinem Buch vergnügen.
Viel Spaß beim Lesen!

 

P.S.: Wer den Umschlag mit neuem Cover haben möchten, kann mir gerne mailen.
Ich schicke ihn dann zu. Sogar mit Widmung 😉

 

Auf Tinder wird man nicht für seinen Charakter geliked.

Guter Name für eine Bar.

5 Minuten warte ich noch.  (Bar in Neukölln)

„Facebook ist langweilig geworden. Ich bin jetzt bei Tinder. Probier das auch mal.“
Die Freundin erwischt mich in einem ganz schwachen Moment. Bisher hat mich Tinder nicht die Bohne interessiert. Macht ihr mal. Keine Verurteilung. Jeder Jeck is anders.
Doch nach einem unfreiwillig einsamen Geburtstag in Texas, an dem mich auch noch vier meiner besten Freunde vergessen hatten, denke ich: Vielleicht wäre es mal Zeit für neue Freunde.

Also, App Store auf und die Fick- , äh… , Fun-App runterladen. Schön über Facebook anmelden. Klar Tinder, du darfst alle meine Daten benutzen. Und, ach komm, auf meine Handyfotos lass ich dich auch noch zugreifen. Wenn schon, denn schon.

So funktioniert Tinder:

Swipe nach rechts heißt „Dich finde ich hot.“ Swipe nach links „Dein Inneres sieht bestimmt besser aus.“ Wenn beide Seiten sich für hot befunden haben, gibt es ein Match (angezeigt durch eine Flamme) und man kann sich Nachrichten schreiben.

Neugierig wische ich durch den digitalen Männerkatalog und höre mich im Geiste mit den Jungs reden.

  • Wow Cem. Selfie mit Hanteln vorm Spiegel in der Muckibude – Stark! Ganz starke Abneigung.
  • Klaus, nimm bitte die Zigarre aus dem Mund. Angebertum ist das Gegenteil von selbstbewusst.
  • Hey Kai, ist das deine Ex-Freundin neben dir? Du scheinst die Trennung ja schon richtig gut verarbeitet zu haben.
  • Tom, du cooler Berghain-DJ, weißt du denn noch, was du in der Nacht von Donnerstag auf Montag gemacht hast?
  • Andi, toll! Ich freu mich für dich, dass du deinen Schlüpfer so gut ausfüllst.
  • Matt, nice, du siehst halbwegs vernünftig aus. Aber leider nur halb.

Ich gucke auf die Uhr: WAS? Schon ’ne dreiviertel Stunde um? Ok, noch ein Mal wischen,
dann ist Schluss.

Ach, ist das nicht? Das ist doch. Ja, das ist er! Hätte ich nicht gedacht, dass Personen des öffentlichen Lebens hier auch unterwegs sind. Den fand ich schon immer gut. Dann wische ich den jetzt nach rechts und dann schreiben wir uns gleich, denn der wird mich ja natürlich auch liken, weil ich ja nicht wie ein Zyklop aussehe. Und so lange bis er sich meldet, wische ich noch ein bisschen weiter.

Dabei fallen mir in der Textbox unter den Fotos immer wieder Hinweise auf wie „Ich schreibe dir auch zurück.“ oder „Match? Ich schreibe garantiert.“ Verstehe ich nicht, deshalb ist man doch hier. Aber ich muss erst mal ein Match inklusive Schreibmöglichkeit zu Stande kriegen.
Puh, gibt’s ’ne Statistik wie viele Stunden man dafür herumwischen muss?

Ich gewinne mein erstes Match. Und verliere es wieder.

Oh hallöchen, Alex! Unter seinem Foto steht „Ich kann auch ganze Sätze schreiben.“ Finde ich halbwegs lustig und gut sieht er auch aus. Kann ich den jetzt liken, ich hab doch schon den Moderator? Egal, ich fahr voll crazy zweigleisig. Wischer rechts. KAZOOMB! IT’S A MATCH! YEAH! Na endlich.

Mein Daumengelenk tut schon etwas weh. Schnell den Schmerzpunkt massieren, damit ich flüssig schreiben kann, wenn sich Alex gleich meldet. Ich koche Abendessen (eine Dose Ravioli). Alex meldet sich nicht. Ich zupfe mir die Augenbrauen. Alex meldet sich nicht. Ich klebe Steuerbelege auf. Alex meldet sich nicht. Jetzt verstehe ich den Hinweis „Ich schreibe garantiert zurück.“ Das ist hier keine Selbstverständlichkeit.

Für mich aber! Also schreibe ich dem Ich-kann-ganze-Sätze-Alex super originell:
„Dieser Satz kein Verb.“ Naja, vielleicht doch ein bisschen zu drüber. Ich ändere es in:
„Hallo Alex, du brauchst aber lange für ’nen ganzen Satz.“
PLOPP. Er antwortet sofort zurück: „Judy hallo, mein Akku ist gleich leer. Ich melde mich morgen. Schönen Abend.“ Ich denke: Ja sicher, Alex! Ganz bestimmt meldest du dich morgen.

Das kann doch wohl nicht angehen. Mein Ehrgeiz ist geweckt. Ich werde heute nicht eher aufhören bis ich eine vernünftige Unterhaltung mit einem gutaussehenden Typen geführt habe. Und wenn mir der Daumen abfällt.

Noch mehr bekannte Gesichter

Ich swipe weiter. Moment, den Kollegen kenne ich doch. Der hat doch Frau und Kinder.
Und anscheinend einen Hang zum Fremdgehen. Ich entdeckte noch weitere bekannte, liierte Gesichter. Die haben hier doch so viel zu suchen, wie ein Furzkissen auf einer Beerdigung.
Wurden für solche Kandidaten nicht seitensprung.de und Geschäftsreisen erfunden?
Ach, mir ist es zu nervig über anderer Leute Beziehungslügen nachzudenken.

Komm hier den Tom, den likst du jetzt noch. Der sieht zwar aus als hätte er gerade einen Donut mit Valium-Streuseln gegessen, aber was soll der Geiz. LIKE! KAZONG! MATCH!
Keine Minute später kommt die Nachricht. „Na, noch wach?“ Ich antworte: „Ja. Nur scheinbar ist mindestens einer von uns zu müde etwas Geistreiches zu schreiben.“
Ich hab kein Bock mehr. Ich gehe schlafen.

Neuer Morgen. Neues Glück.

Gleich nach dem Aufwachen greife ich wie ein Junkie zum Tinder-Handy. Swipe, swipe, swipe.
Mein Verstand sagt: „Hey, ich will Zeitung lesen!“. Meine Eitelkeit antwortet: „Maul!“
Die Würde scheint noch zu schlafen.

Mein gekränkter Eitelkeitsanfall wird von dem Anruf einer Freundin unterbrochen. Geh ich ran?
Ja, denn die ist Tinder-Pro und kann mir sagen, was ich falsch mache.

Die Expertin rät:

  1. Das Foto ist das wichtigste. Mein Foto sieht zwar ganz schön aus, allerdings könnte Judy aus Kreuzberg mit ihren goldenen Kreolen, blonden Locken und Tattoo auch als frisch blondierte, dauergewellte Cindy aus Marzahn durchgehen.
  2. Ich muss Geduld haben und mehr Typen liken – einfachste Mathematik.
  3. Als Frau nie, nie, nie aber auch niemals zuerst schreiben.
  4. Nicht zu lustig sein oder immer noch einen Gag drauf setzen.

Danke für’s Gespräch. Ich denke mal darüber nach.

Mein Fazit

Wenn ich also auf Tinder punkten will, müsste ich dort nicht nur unglaublich viel Zeit verplempern und Typen liken, die mich nicht interessierten. Nein, ich müsste auch noch in der Zeit zurückreisen. Am besten nach 1955 und mir dort die Regeln drauf schaffen, wie man sich als Frau klein hält. – „Hihihi Hans-Günther, da hast du aber einen lustigen Witz gemacht. So was würde mir nie einfallen.“
So richtig?

Ach ja und ein besseres Foto von mir bräuchte ich auch, da ich auf meinem wie Cindy aus Marzahn wirke. (Mit Freunden wie meinen läuft man wirklich nicht Gefahr eingebildet zu werden.) Vielleicht so ein bißchen mehr Kim Kardashian? Das wäre anatomisch und mental nicht möglich, denn ich habe ein krankhaft unnatürliches Verhältnis zur Kamera. Richte einen Fotoapparat auf mich und ich verkrampfe wie auf einem elektrischen Stuhl.

Genervt mache ich eine Pause und öffne Facebook. In meinem Newsfeed erscheint ein Video namens „Buddy bench a big hit at Willowgrove School“.

Leisha Grebinski/CBC

Leisha Grebinski/CBC

In dem Film lässt sich eine Reporterin von einem Schüler erklären, wie die Buddy Bench auf dem Pausenhof funktioniert. Das geht so: Wenn ein Kind sich einsam fühlt und seine besten Freunde nicht findet, setzt es sich auf die Bank und wartet bis ein anderes Kind dazu kommt und mit ihm spielt. Die Frau fragt, wie lange das so ungefähr dauere. „A minute.“ antwortet das Kind.

Ich teile das Video mit der Überschrift „Das ist doch so viel besser als Tinder!“ und lösche die
Dating-App auf meinem Handy.

PS: Ich will Tinder nicht verteufeln. Für viele, mit denen ich darüber gesprochen habe, funktioniert es. Die meisten erzählen, dass sie durch Tinder sehr nette Leute getroffen haben. (Und auch den ein oder anderen Monatsabschnittsgefährten). So weit ist es bei mir in den zwei Tagen wegen totaler Ungeduld, gekränkter Eitelkeit und halb-feministischer Überzeugung nicht gekommen. Es liegt also nicht an Tinder sondern an dem Menschen, der davor sitzt.

Weihnachten the Australian way

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Wenn man sich daneben stellt, sieht er noch mickriger aus.

Seit ungefähr 10 Jahren fliege ich alle 2 Jahre um die Weihnachtszeit nach Sydney. Diese Jahr zum  sechsten Mal. Leute, die mich kennen, halten mich deshalb für einen Australien Experten.
Ehrlich gesagt kenne ich mich mit Aussieland so gut aus wie Donald Trump mit Feminismus.

Touristen, die eine Australien Rundreise gebucht haben, haben nach 48 Stunden mehr von dem Land gesehen als ich in 10 Jahren. Mal kurz überlegen, wo ich hier schon überall war:
Am großen, roten Stein, Ayers Rock? Nö.
Im Surfers Paradise Byron Bay? Ne.
Great Barrier Reef? Nope.
Darwin, Adelaide, Perth? 3x nein.

Jetzt könnte man denken „Ok, dafür kennt sie sich vermutlich mördermäßig in Sydney aus.“
Äh. Na ja. Also, nö irgendwie nicht.
Wenn mir jemand von einer Location “auf der anderen Seite der Brücke” (Habour Bridge) erzählt, habe ich keine Ahnung, wo das sein soll.

Mein Bewegungsradius beschränkt sich auf ca. 2 bis 5 Kilometer in Bondi. Das entspricht der Entfernung von meinem Standort zum Icebergs Swimmingpool, zum Café Gertrude & Alice
oder zum Strand. 5 Kilometer werden es bei mir auch eigentlich nur auf dem Laufband im
Bondi Beach Fit.   

Was zum Teufel mache ich hier? Warum fliege in regelmäßigen Abständen 16.092,94 Kilometer an den Arsch der Welt – und sammele dabei nicht mal Meilen,
weil ich zu faul und dumm für Bonusprogramme bin?

Ganz einfach: Weil ich hier nicht den besten Strand, die größte Welle oder den besoffensten Koala suche. Ich suche hier gar nichts, ich hab hier schon beim ersten Besuch alles gefunden:
Wunderbare Freunde names Jo, Marcie, Brendan, Ella und Tariq. Ich mag diese Menschen so sehr, dass ich statt eines Trips ins australische Outback lieber mit Jo ins australische Aldi fahre. Und statt zu den Australian Open lieber mit auf ein Schulabschlussfest gehe, bei dem jedes Kind für irgendeine Nichtigkeit eine Goldmedaille verliehen bekommt, weil das gut für’s Selbstwertgefühl ist.

„Why did you get an award?“ Ella: „I don’t know everyone gets one.“

Nur deshalb komme ich Weihnachten hier immer wieder her. Denn das Fest der Feste ist hier so liebevoll und unkompliziert wie meine australischen Freunde. Es ist so entspannt wie es in Deutschland überhaupt nicht denkbar wäre, was zum Großteil natürlich am Wetter  und dem nicht existierenden australischen Perfektionismus liegt.

Ein 24. Dezember sieht bei uns so aus:

Statt am Morgen Servietten und Tischdecken zu bügeln, gehen wir mit unseren zerknautschten Matten zum Yoga.

Mittags schmücken wir nicht stundenlang die 2 Meter Nordmanntanne sondern holen den
30-Zentimeter-Chinatown-Weihnachtsbaum aus dem Kabuff und stellen ihn vor den nicht funktionierenden Kamin (siehe oben). Wenn wir richtig motiviert sind, blasen wir noch den Rentierschlitten im Vorgarten auf (siehe unten).

Nach dem Yoga gibt es statt aufwendiger Gänsebraten-Vorbereitung ein Nickerchen. Unsere einzige Essensvorbereitung besteht darin einen Aldi-Schampus in den Kühlschrank zu stellen. Während der kalt wird, kühlen wir uns nochmal  im Pool vom Icebergs ab.

Wenn wir dann zurück kommen, werfen wir den Grill an, hauen Steaks und Würstchen drauf und laden noch das jüdische Nachbarskind ein, das ja sonst kein Weihnachten feiert. Nachdem die Kleine dann drei Würstchen verputzt hat, fragen wir uns, ob die eigentlich koscher waren. Der Frage gehen wir nicht weiter auf den Grund und trinken lieber einen Schampus mit Eiswürfeln, da wir irgendwie doch das Kaltstellen vergessen haben. Im angeschwibsten Zustand denken wir uns Reality-TV-Shows mit dem Nachbarn aus, der auch noch schnell einen Salat mit Gurkenwasser-Dressing gezaubert hat. Und irgendwann um 12 fallen wir alle satt und glücklich ins Bett. That’s it.

Wenn ich dann am 25.12. morgens um 6 von den aufgeregten Kindern zum Geschenke auspacken geweckt werde, denke ich:  “Herrlich. Auch dieses Jahr wirst du wieder nix von
Australien sehen. Egal, du hast trotzdem alles richtig gemacht.”

Santa

Santa Claus hat wieder zu viele Gingerbreads gefuttert, Rudolph kommt nicht mehr hoch.

Mein linker Fuß

Quelle: http://www.jeremyriad.com/blog/toy-talk/marybel-doll/

Manchmal kommt mir mein Leben wie ein schlechter Didi Hallervorden Sketch vor.
So wie am 17.3.2014, der Termin für meine Fuß-OP, auf die ich mich ungefähr so freute wie Uli Hoeneß auf seinen Knastantritt. Die Vorstellung sechs Wochen lang wie eine Nordic-Walking-Oma an Stöckern zu laufen, fand ich nicht sehr verlockend. Aber die Zeiten als junger Hüpfer waren nun mal vorbei. Der Eingriff musste sein.

Also, stand ich Montagmorgen um 5.30 auf, um zum Vivantes Humboldt-Klinikum im idyllischen Reinickendorf zu fahren. Frühstücken war verboten, trinken auch. Man durfte sechs Stunden vor der OP nicht mal mehr an einem Kaugummi oder Bonbon riechen.
Um 6 Uhr 20 erreichte ich mein Fahrtziel und ging mit meinem Fuß von der U-Bahn-Station zum Krankenhaus ein letztes Mal Gassi.

Unterkoffeiniert und müde schob ich meinen Koffer an ein paar Menschen vorbei. Die trugen Tütenwesten mit Verdi Logos drauf und sahen wie Statisten für einen Stromberg Film aus. Eigentlich wollte ich den 2-Meter-Mann mit Verdi-Fahne nach dem Tütenaufzug fragen, aber ich war zu sehr mit der Angst vor meiner Fußamputation beschäftigt.

Im Ambulanten Operationszentrum (AOZ) nahm mich eine freundliche Schwester Ilona in Empfang und brachte mich in das Entkleidezimmer. Sie gab mir zwei Plastiktüten für meine Habseligkeiten und zwei Pillen. Die sollte ich nach dem Umziehen doch schon mal zur Beruhigung nehmen. Sie band mir auch noch ein “Access All Area” Bändchen mit meinem Namen ums Handgelenk. Vermutlich damit man mir nicht “aus Versehen” eine Spenderniere
für einen bedürftigen Privatpatienten entnahm.

Ich schälte mich mit mulmigen Gefühl aus meinen Klamotten und zog mir einen weißen Kittel, der auf dem Bett lag, an. Die Zwangsjacke für Arme war hinten offen – wie man die zuknoten sollte, ohne sich dabei die Arme auszukugeln, war mir schleierhaft. Ich ließ sie einfach offen.
Mein Outfit war jetzt eh egal. Zu dem Patienten-Twinset gehörte auch noch eine formschöne Einwegunterhose aus geklöppelter Mullbinde. Ich zog sie mir über den Hintern und schmiss die Pillen von Schwester Ilona ein. Neugierig ob der Wirkung legte ich mich aufs Bett und wartete auf den Wattehelm unter dem ich gleich wegdämmern würde.

Leider wollte meine Blase aber noch etwas Action und machte ordentlich Druck. Och, bitte!
Ich also, schon ein bißchen angeschossen, wieder hoch und mit offenem Kittel und sexy durchsichtigem Mullbindenschlüpfer zum Klo. Das lag glücklicherweise direkt gegenüber
vom Wartezimmer, in dem bereits ca. 10 Menschen saßen und sich an meinem
“Einer flog über’s Kuckucksnest” Look erfreuten.

Die Pillen wirkten schon ganz gut, mir war das so was von kackegal.
Apropos kacken, dachte sich mein Darm. Das war ja von der Natur so eingerichtet, dass man sich bei Angst noch flink entleerte, denn ohne den zusätzlichen Ballast im Körper konnte man ja schneller vor dem Säbelzahntiger oder vom OP-Tisch flüchten. Toll, dass sich mein Stammhirn genau jetzt daran erinnerte.

Als ich wieder vom Klo aufstehen wollte, zündete die nächste Betäubungsstufe. Ich fragte mich, wie ich jemals das Klopapier geschweige denn die abgeschlossenen Klotür erreichen sollte.
Weiß bis heute nicht, wie ich das geschafft habe. Vermutlich war die Tür die ganze Zeit offen und wahrscheinlich habe ich noch ins Wartezimmer gefragt, ob jemand für mich spülen könne.

Dann lag ich wieder im Bett, das HUCH, auf einmal von alleine losfuhr. Ich hatte doch gar keinen Führerschein dafür. Drei Piraten mit grünen Kopftüchern schoben sich in mein Blickfeld und einer von denen sagte: “Bringt sie nochmal zurück.” Und mein Bewusstsein fragte in SloMo: “W-o-h-i…”

Als ich drei Stunden später die Augen öffnete, stand da ein Engel mit wallenden, roten Haaren und einem Blumenstrauß vor mir. Er sagte: “Du wurdest nicht operiert.”
Wie bitte? “Das Pflegepersonal streikt. Die OP wurde gecancelt.” Der Engel war eine gute Freundin und sie hatte recht, an meinem Fuß klebte nicht mal ein Pflaster. Gott, war ich froh!
Ich hatte ja auch überhaupt keine Lust auf das ganze Invaliden-Theater.

Fünf Minuten später, na ja wohl eher 50 bei meinem Tempo, saßen wir im Taxi nach Hause. Dort legte ich mich nochmal kurz fünf Minute hin, um dann fünf Stunden später ein zweites mal aus dem Koma zu erwachen. Der Fuß war immer noch da. Toll, ich freute mich.
Ungefähr so:

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Höhen und Tiefen einer Inlineskate-Liebe

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20 Grad. Wochenende. Langeweile.
Ich gehe auf den Flohmarkt. Ich sehe Inlineskates. Ich probiere sie an. Und kaufe sie.
Eine leidenschaftliche Amour Fou mit ungeahnten Folgen beginnt.

Wie vor jeder neuen Beziehung habe ich natürlich Angst auf die Fresse zu fliegen,
in diesem Fall ganz besonders. Genau deshalb lasse ich es langsam angehen und übe erst einmal nur im Hinterhof meines Hauses. Nachts, wenn alle Nachbarn schlafen.

Schon nach kurzer Zeit merke ich, die Sache mit meinen neuen Freunden läuft ganz gut. Ich werde mutiger und traue mich auf die offene Straße. Allerdings weiterhin nur im Schutze der Dunkelheit nach 23 Uhr. Solange ich mich so x-beinig und motorisch gestört wie Forrest Gump mit Beinschienen fortbewege, möchte ich nicht gesehen werden. Da bin ich eitel. Aus dem Grund trage ich auch keinen Helm oder sonstige Panzerschutzteile. Meine einzige Sicherheitsvorkehrung lautet: Immer schön in der Nähe des Urban Krankenhauses bleiben.

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Nach ungefähr zwei Wochen und keinem einzigen Sturz (!) wird das Vertrauen zu meinen neuen Gefährten größer. Alright! Ab jetzt werde ich mich in der Öffentlichkeit dazu bekennen, dass wir miteinander gehen bzw. fahren. Mir doch egal was die Nachbarn denken.

Schon am nächsten Morgen unternehmen wir unseren ersten Pärchen-Ausflug bei Tages-
licht und fahren gemeinsam mit der U-Bahn dorthin, wo sich die Verliebten tummeln.
Zum Tempelhofer Feld.

Alles ist genauso wie ich es mir ausgemalt habe: Endloser, graue Asphalt unterbrochen von braun-grünen, borstigen Wiesen. Let’s roll! Der Untergrund des stillgelegten Flughafens erweist sich, bis auf einige Ausnahmen, smooth und die überschaubare Menge an Freizeit-
sportlern bleibt friedlich in ihren Umlaufbahnen.

Angetrieben von 180 BPM Drum’N’Bass (LTJ Bukem, yeah!) jage ich mit meinen Rollerboys den 90ern entgegen. Fast genauso schnell rauschen Dopamin und Endorphin durch meinen Körper. Ich habe Flashes und Flow, Glücksgefühle und Geschwindigkeitsrausch. Moment mal, ist das vielleicht sogar ein Orgasmus???

Nach zweimaliger Umrundung des Flughafengeländes fasse ich adrenalinbesoffen den Entschluss nicht mit der U8 sondern auf meinen Skates nach Hause zu fahren. Und zwar durch die gegenüberliegende Hasenheide.

Ich weiß, dass der schönste aller Berliner Drogenparks an einer Stelle sehr abschüssig ist.
Nur, wo ist der steile Abhang? Während ich mich das noch frage, habe ich ihn schon gefunden. Ich merke das daran, dass ich innerhalb einer Sekunde von 10 auf 100 km/h beschleunige.
Im Fahren bin ich mittlerweile recht sicher – nur im Bremsen nicht. Also, theoretisch kann ich es, denn ich habe ein Youtube-Tutorial namens „How to stop downhill on inline skates“ geguckt. Sogar mehrmals. Nur mein Gehirn ist leider gerade mit Panik beschäftigt und kann sich an nichts davon erinnern. Alles was ihm einfällt, ist: FAHR IN DIE WIESE! JETZT!

Ok, Wiese gibt es genug. Nur ist sie leider rechts von einem Stahlzaun versperrt und links von einer Gruppe Fußgängern. Scheiße, und jetzt? Schreien? Wie unwürdig.
Ok, ich schreie jetzt. Doch ich werde abgelenkt, weil mir nun auch noch ein Auto entgegen kommt. Verarscht Gott mich gerade? Seit wann dürfen hier Autos fahren?
Ich pese weiter downhill und sehe jetzt die stark befahrene Schnellstraße am Ende des Abhanges. Irgendwie möchte ich so nicht sterben. Das würde auch so viel Dreck machen. All die Zähne, Knochen und Blut.

Plötzlich steht er da: Mein Retter! Ein großer, massiger Mann mit Telefon. Weich wie eine Matratze! Die Entscheidung steht: In den fahr ich jetzt rein!
Ich bin 2 Meter vom Matratzenmann entfernt, da sehe ich etwas hinter ihm:
Einen Erdhaufen mit einem Baum.
Hüftschwung, Kurve und Sprung. Mitten rein in den Kompost.
Ich wanke, rudere und falle. Doch in letzter Millisekunde umarme ich den Baum.
Haltungsnote 6, aber dafür nicht gestürzt. Und nicht gestorben!

Ich schaue zum Matratzen-Mann. Er ist, wie es sich für eine Matratze gehört, ganz weiß. Und immer noch am Handy. Mit weit aufgerissenen Augen spricht er hinein: „Auf mich ist gerade eine Frau mit Inlineskates in einem Affentempo zugerast. Jetzt hängt sie am Baum.“
Ich grinse ihn hysterisch an. Reden geht noch nicht.
Mein Blick wandert runter zu meinen Inlineskates. Ich bin kurz davor mir die Selbstmordattentäter von den Füßen zu reißen und einem Park-Dealer in die Hände zu drücken: „Hier, reinstes Speed! Kannste haben.“ Aber es ist kein Dealer in Sicht. Und weil mir nichts anderes einfällt, fahre ich einfach weiter.

Vielleicht haben sich meine Rollerboys ja einfach nur einen kleinen Spaß erlaubt und ich muss mich nur an ihren Humor gewöhnen? Frauen können sich ja die beschissenste Beziehung schön reden…

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Ultimate all inclusive (Bis zum bitteren Ende)

 

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Und von 10 bis 18 Uhr gibt es noch den Kurs „Sonnenbrand für Fortgeschrittene“

 

Mein Zimmer: Schön wie Schacht Konrad

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„Front desk? There are no little candies on my pillow!“

Im Gegensatz zum Rest des Hotels war mein Zimmer unerwartet modern und geradezu minimalistisch. Vielleicht war es auch einfach noch nicht fertig. Seine Atmosphäre hatte jedenfalls etwas von … ja, wie soll ich es beschreiben?…ich glaube, Schacht Konrad trifft es ganz gut. Es war dunkel und kalt. Eigentlich hätten sie die Fenster auch weglassen können, kein Sonnenstrahl würde es jemals hier herunter schaffen. Und jedes Mal, wenn ich den Raum betrat, zog ich die zwei Bademäntel übereinander und machte 20 Liegestütze, um warm zu werden. Aus diesem Grund fragte ich an der Rezeption nach einem anderen Zimmer. Die Hotelfachfrau guckte unter ihren Lidern auf Halbmast hervor, hämmerte apathisch auf ihrer Tastatur herum und antwortete wie Carol Beer aus Little Britain „Computer says NO“.

Auf Nachfrage erklärte sie, dass ich nur Standard gebucht hätte und alle anderen Zimmer belegt wären. Ja, das stimmte, ich hatte Standard gebucht, allerdings in der Annahme, dass das Sonnenlicht und eine Zimmertemperatur über dem Gefrierpunkt beinhalten würde.
Ich erwähnte, dass meine Tante auch Gast in dem Hotel sei. Da wurde schlagartig ein Zimmer frei. Mit Sonnenterrasse und Meerblick. Ich kannte dieses Phänomen schon vom letzten Türkei-Urlaub. Meine Tante mit ihrer „Verarschen-kann-ich-mich-selber “-Mentalität hatte schon dafür gesorgt, dass ganze SPA-Bereiche renoviert wurden, weil ihrer Meinung nach die Abflüsse nicht richtig abliefen. Einen Tag später durfte ich umziehen.

Als ich am Umzugstag den Schlüssel abholte, fiel mir ein Herr auf, der kurz vor der Abreise stand. Als kleines Dankeschön gab er der Dame an der Rezeption zwei Tafeln Nussschokolade. Die Gäste schienen das für ein gutes Trinkgeld zu halten. Alle Angestellten bekamen mehrmals am Tag eine Milka oder Schogetten in die Hand gedrückt. Den Zimmermädchen legte man sie auf das Bett. Wenn zwischendurch auch mal Geld dazu kam, war es ja vielleicht eine ganz „süße“ Geste. Der Herr griff auch noch mal in die Tasche. Er holte aber keine Münzen sondern eine Hand voll Kugelschreiber heraus und legte sie gönnerhaft auf die Theke.
Die Hotelangestellte lächelte bemüht und sagte brav „Danke“.
Ich hätte am liebsten gesagt „Hör mal Karl-Heinz, die Frau arbeitet an einer Rezeption mit einem Hinterzimmer voller Stifte, Aktenordner und Druckerpatronen – und nicht an einer mittellosen Schule in der dritten Welt. Du willst dich doch nicht etwa mit geklauten   Krankenkassen-Kulis und Aldi-Schokolade um das Trinkgeld drücken?“ Aber ich schluckte die Brandrede herunter, schließlich hatte sich die Hoteldame bei meinem Zimmerwechsel auch nicht sehr kooperativ gezeigt.

Mein neues Zuhause entpuppte sich als eine sonnendurchflutete Kitschhöhle mit türkis-schwarzen Möbeln, goldenen Vorhängen und einem Plasma-TV so groß wie mein Kingsize Bett. Härlisch, danke Irmgard!

Das Buffet: Essen ist der Sex der alten Leute.

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Das Herz vor Freude puckert, wenn man Frühstückseier zuckert.

Langsam stiegen die Temperaturen und mit Ihnen die Besucherzahlen, was sich sofort an den Rund-um-die-Uhr-Buffets bemerkbar machte. Die Menschen stiegen sich am Frühstücks-
(8-11 Uhr), Spätfrühstücks- (11-12 Uhr), Mittags- (12-14) und Abend-Büffet (18 bis 21Uhr) auf die Sandalen. Nur an der 24-Std-Kuchen-Sandwich-Vitrine und am Nachtbuffet (22 – 4 Uhr) hatte man seine Ruhe.

Am Schlimmsten war die Klopperei am Frühstücksbuffet. Oder kam mir das nur so vor, weil für mich alles vor dem ersten Kaffee schlimm war? Nein, es war die Hölle. Zuerst musste ich eine Mauer aus starrsinnigen Fressfeinden überwinden und dann schlurfte auch noch ein Opa mit einem „Powered by Mercedes“ T-Shirt in Zeitlupe vor dem Cerealien-Buffet herum und ließ mich nicht an die Milch.
Meiner Tante erging es ähnlich. Sie wollte sich zum Frühstücksei noch schnell einen frisch gepressten O-Saft holen und kam erst 15 Minuten später wieder. Ich dachte schon, sie wäre abgereist.

Es schien hier unter den Urlaubern ein ungeschriebenes Gesetz zu geben. Nämlich: Nie, nie, nie am Büffet Platz zu machen und sich mindestens 5 Minuten an jeder Abdeckhaube festzukrallen. Und wenn man doch zur Seite ging, dann nur in einem ruckartigen Wendemanöver, so dass dem Hintermann das Essen vom Teller flog.
Es gab zwei Mikrowellen, mit denen man sich nach dem Hindernislauf das erkaltete Essen erhitzen konnte. Dafür hatte die Küche mindestens zwei Anti-Michelin-Sterne verdient.

Die Urlaubsgespräche: Wie aus einem Loriot-Sketch

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„Der Henne? Der hat doch die Schwester von der Lisbeth geheiratet…“ – „Quatsch, der hat die Lisbeth geheiratet“

Ich hätte ich bis zur Bewusstlosigkeit 80 mal am Tag das gleiche Gespräch führen können.
„Wann sind Sie angekommen?“ – „Montag“
„Wann fahren Sie wieder?“ – „In einer Woche“
„Ach, nur so kurz?“ – „Ja.“
„Aber mit dem Wetter hamse Glück. Das war letzte Woche noch nicht so schön.“ – „Toll.“

Prinzipiell hatte ich nichts gegen Small Talk. Aber irgendwann wäre ich gerne zu interessanteren Themen übergegangen. Sachen wie: „Haben Sie schon mal nachts überlegt ihrer Frau das Kissen aufs Gesicht zu drücken?“ Oder: „Waren Sie in der NSDAP oder im KZ?“ So was halt. Aber das ging natürlich nicht, die Leute waren ja hier im Urlaub und nicht beim Therapeuten.

Was aber auch großen Spaß machte, war den Small Talk anderer zu belauschen.
Grandiose Feststellungen wurden da beim Essen ausgetauscht:
„Wir waren ja neulich in dem Schwestern-Hotel vom Chrystal. Da gab es keinen Lachs und nur
3 Sorten Käse. Und das Mineralwasser, war so kalt, dass man es gar nicht gleich trinken konnte. Unmöglich.“

Ich hörte aber auch Tragisches in der Dampfsauna:
„Gestern Nacht ist ein Mann in seinem Zimmer gestorben. 86 Jahre alt. Der Krankenwagen war sofort da. Die Sanitäter konnten ihn sogar noch 3 mal wieder belebt. Aber beim vierten Mal war’s vorbei.“ Nachdenkliches Schwitzen und Schweigen, das ich fast mit dem Kommentar unterbrochen hätte: „Das Schöne am Tod ist doch, dass man dafür nicht extra aus dem Urlaub zurück kommen muss.“ Aber ich behielt es für mich.

Das Lustigste was ich aufschnappte, kam von einer älteren Dame am Pool:
„Die türkischen Krankenhäuser sind tip top. Ich habe mir hier vor zwei Jahren die Wirbelsäule gebrochen. Musste beim Zähneputzen niesen. Der Arzt in der Klinik hat mir 10 Tage Morphium gegeben, damit ich mich zuhause operieren lassen kann. Seitdem habe ich eine Eisenstange im Rücken.“ 10 Tage Morphium! Das war bestimmt der Trip ihres Lebens.

Die Urlaubsgäste: Luis Trenker und die Katzenfrauen

cads home

Schreibfehler. Es müsste heißen: „FAD CADS HOME“

Ich schnappte nicht nur Gesprächsfetzen auf, sondern trat mit manchen Urlaubern regelmäßig in Kontakt. Einer davon war Rainer. Rainer war 70 und hatte schon alle sechs Kontinente bereist. Nur den siebten, das Internet, kannte er noch nicht. Aber sobald er nach Hause käme, wolle er einen Computer-Kurs an der VHS machen. Und danach eine Tour auf den Kilimanjaro. Der alte Luis Trenker.
Mit internetfähiger Technik hatte er wirklich nichts am Wanderhut. Am letzten Abend bat ich
ihn ein Foto von mir und meiner Tante mit dem iPhone zu machen. Als ich später meinen
Foto-ordner öffnete, fand ich darin sage und schreibe 47 identische Fotos von uns. Wie hatte er
das nur geschafft? Er hatte das Handy doch nur 30 Sekunden in der Hand.

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„Was muss ich jetzt für ein Käse sagen?“ „Gouda.“

Eine weitere Hotelgästin kannte ich schon etwas länger. Genau genommen seit meiner Geburt. Sie bat mich auch neben besagter Milka Schokolade Katzenfutter aus Deutschland mit zu bringen, denn das war in der Türkei so teuer. Tante Irmgard hatte da etwas mit Brigitte Bardot gemeinsam. Nicht so sehr das Aussehen (obwohl ein heißer Feger war sie auch mal), sondern die extreme Liebe zu herrenlosen Tieren, wie viele andere All-Inclusive-Renterinnen auch. Da waren sie hier im Paradies. In den Hotelanlagen und am Strand tummelten sich etliche Streunerkatzen. Die Tiere sahen aber nicht verwahrlost oder ausgehungert aus sondern eher wie gestrandete Wale. Wieso waren die so fett? So viel Katzenfutter hatte ich doch gar nicht mitgebracht. Nach dem Dinner mit meiner Tante wusste ich es. Irmgardt steckte sich bei jedem Gang gegrilltes Hühnchen und Fisch in die Tasche. Die Gucci-Tasche kann ich nach dem Urlaub wegschmeißen.“ stellte sie trocken fest. Zum Glück war es eine türkische „Gucci“. Dann erzählte sie lachend, wie sie neulich vom Buffet an den Tisch zurückkam und
da schon eine schmatzende Katze in der Tasche saß. Ganz toll, Tantchen! 


Die Abreise: „Sind Sie Tschudi Horn-ei?“

In dem Abholzeiten-Ordner an der Rezeption stand, dass ich morgens um 8:10 abgeholt werden würde. Also checkte ich um 8 Uhr aus und ging nochmal ans Frühstücksbuffet. Pünktlich um 10 nach 8 kam ich in die Lobby. Dort wartet sie schon auf mich: Eine Busladung Hass.
Ein entrüsteter Horst Schlämmer fragte mich mit vor Aufregung hüpfender Stimme.

Mann: „Sind Sie Schudi Horn-ei?“
Schudi: „Ja, bin ich.“
Mann: „Wir warten schon seit 15 Minuten auf Sie! Das ist eine Frechheit!“
Schudi: „Es tut mir leid, dass sie sich ärgern, aber im Ornder stand 8:10. Warum soll ich dann schon um 7:55 hier sein?“
Ketzerchor aus dem Hintergrund: „Eine halbe Stunde vorher soll man da sein!“
Die gehörten nicht mal zu der Abholgruppe!
Schudi: “Ich bitte Sie, ich stell mich doch nicht ne halbe Stunde vorher hier hin.“
Mann: “Die Jugend von heute! Unglaublich.“

😀 Er zählte mich mit 37 zur Jugend von heute. Gut gelaunt setzte ich mich in den Flughafen-Shuttle und vergaß die Pfeile, die meinem Rücken durchbohrten.
Am Check-In sprach mich der Choleriker nochmal an.
Mann: „Wollen wir uns wieder vertragen?“ 
Warum vertragen? Ich war ja überhaupt nicht sauer sondern total geschmeichelt. Außerdem war ich Wutausbrüche von cholerischen Alphatieren gewohnt. Ich arbeitete seit 15 Jahren in der Werbung.

Mein Urlaubsfazit:
Auch nach dem dritten Türkei-Trip denke ich: Schrecklich amüsant, aber das nächste Jahr ohne mich. Doch ich weiß jetzt schon: In 12 Monate stehe ich wieder in der Check-In-Schlange vom Sun Express. Mit einem Koffer voll Schokolade und Katzenfutter.

 

Weitere Urlaubsimpressionen: 

ohne handeln copy

„Du hast schöne Haare. Ich hab schöne Ware.“ Türkische  Markthändler wissen, wie man Werbung macht.

 

clowndusche

„Wenn du jetzt nicht gleich artig bist, frisst dich der Duschclown.“ Effektive Drohung genervter Eltern.

 

weltfrauentag

Den Weltfrauentag feiert man in der Türkei so: Man verhüllt die Stühle genauso wie die Frauen.

 

 

Ultimative all inclusive (Tag 1)

 

ankunft

Antalya Airport. Hotelshuttle Bereich. Die Nummerierung geht bis 1000.

Um es gleich vorweg zu nehmen: Der Überraschungsbesuch ging nicht in die Hose.
Meine Tante freute sich wie ein Schnitzel. (Sie war auch schon genauso gold-braun.) Zum Glück war es auch die richtige Tante, die ich mit Anlauf von hinten in der Hotel-
lobby umarmte. Aber bis es dazu kam, musste ich erst noch 3072,03 Kilometer zurücklegen.

Taxifahrt mit Aggro Berlin
Mein Gesäß hatte gerade eine Sekunde den Sitz berührt, da regte sich der geladene Taxifahrer über seinen letzten Gast auf. Der war nämlich telefonierend in seinen Wagen gestiegen und hatte gleich herum geschnauzt: „Radio aus!“, worauf der Fahrer erwiderte: „Du hast gerade mal einen Wochenend-Lehrgang zum Versicherungsmakler gemacht und spielst dich auf wie Gott. Raus hier!“ Wow, nach der Story hatte ich große Angst etwas falsch zu machen. Ich sah mich schon mit dem Koffer auf dem Seitenstreifen, nur weil ich das Fenster runtergekurbelt hatte. Da ich unbedingt meinen Flieger kriegen wollte, stimmte ich dem Choleriker zu, dass man als Taxifahrer  nur diejenigen befördern sollte, die man auch wirklich mochte. Dann wurde ich leichtsinnig und fragte Hulk nach einer Quittung. Ich hatte nichts mehr zu verlieren, wir waren ja schon am Flughafen.

Flughafen Berlin Brandenburg. Ach ne, Tegel.
Im Terminal suchte ich meinen Schalter. Als ich eine Frau sah, die eine gelbe Brosche mit drei schwarzen Punkten trug und gerade ihre Krücken eincheckte, wusste ich: Hier bist du richtig! Nach dem Check-In kaufte ich mir noch eine saumäßig überteuerte Cola und freute mich: „Ha! In 5 Stunden kostest du mich nur noch ein müdes Lächeln, Bitch.“

In der Wartehalle wanderte mein Expertenblick unauffällig von Passagier zu Passagier.
Nach drei Mal All-Inclusive-Urlaub erkannte man seine Schweine am Gang. Und an den
lila Strähnchen, den beigen Outfits und der Gleitsicht-Goldrandbrille.
Verdammt, ich hatte der Gleitsichtbrille direkt in die Scheiben geguckt. Das fehlinterpretierte er bestimmt als Gesprächseinladung. Schnell beschäftigt in die Cola gucken. Der ca. 65 jährige Mann reiste alleine und ließ schon die ganze Zeit seinen Kopf wie eine Parabol-Antenne kreisen. Immer auf Empfang, um dann zack! für Stunden in den Sendemodus zu schalten. Mit so einem Sitznachbarn fühlt man sich irgendwann wie die Oma aus Die unglaubliche Reise in einem verrückten Flugzeug. Die erhängt sich, weil sie das Gerede von Ted Striker nicht mehr erträgt. Beim Boarding nahm der Mann fünf Reihen vor mir Platz. Erleichterung.

Flughafen Antalya
Man soll den Flug nicht vor der Landung loben. Am Gepäckband stand Herr Gleitsicht plötzlich neben mir auf. „Mit den Koffern, das geht hier immer ganz schnell.“ Ich lächelte stumm und verfolgte mit den Augen die Gummi-Haifischflosse, die auf dem Kofferband ihre Bahnen zog. Eine Werbung für das Aquarium. Er ignorierte meine Körpersprache „Wo wohnen Sie denn?“ „Irgendwo in Side. Ich kann mir aber den Namen meines Hotels nicht merken.“ War wirklich so. Die Hotels an der Türkischen Rivera hatten unglaubliche Namen: Commodore Elite Suite & SpaAydinbey King’s Palace Spa & ResortCrystal Palace Luxury Resort & Spa, Dragon Royal Palace Surpreme.
Herr Gleitsicht: „Oh, da müssen sie aber noch ’ne Ecke fahren. Ich wohne nur 15 Minuten
von hier im Mirakel. Was haben Sie bezahlt?“ Da hatte er sich aber lange zurückgehalten. Normalerweise platzten All-Inklusive-Urlauber mit diese Frage immer als erstes heraus.
„400 € für eine Woche.“ Ok, Mister Miracle Luxury Spa bring it on: „Ich hab ja
nur 560 € für zwei Wochen bezahlt. Und das im besten Hotel am Platz.“ Am liebsten hätte
ich gesagt: „Ok, mein Hotel ist teurer und blöder. Du hast gewonnen.“ Aber ich wollte ihm den Hotel- Quartett-Sieg nicht verderben. „Nur 560! Super.“ Von hinten schaltete sich die Frau mit den lila Strähnchen ein. „Für welches Hotel? Das Mirakel? Da habe ich ja kein Zimmer mehr bekommen. Ich zahle jetzt 600 für das Imperial, aber das ist auch das beste Hotel am Platz.“

Den Rest kennt ihr. (siehe oben)

80er

Wo 80er Jahre Design Urlaub macht.

 

 

 

Ultimative all inclusive, happiness inclusive …

 

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Im Prospekt war die Wand aber goldener.

 

Ich bin ab heute im Urlaub. Aber nicht so wie man sich das als hipper Berliner vorstellt,
mit Bonusmeilen irgendwo hinfliegen und in einem coolen Designhotel oder Airbnb Loft absteigen. (Das habe ich vor 3 Wochen gemacht.)
Nein, diesmal habe ich ein Rentner Paradies all inclusive gebucht: 6 Tage im 5-Sterne-Bunker für 400 € in Antalya. Mit Vollpension, Nachtbuffet, Animations-Programm (Bingo, Darts und Musical Show) und allem, was man sonst noch so nicht unbedingt braucht.

Dieser Urlaub wird:

  • kulturell kaum wertvoll, weil ich nichts angucken werde, außer gefakte Markenartikel
  • null nachhaltig, weil ich eine Tourismusindustrie unterstütze, die eine Bettenburg nach der anderen auf ökologisch bedenkliche Art hochzieht
  • kein Stück glutenfrei, organic oder vegan, weil man davon hier zum Glück noch nichts gehört hat

Ich mische mich unter die Rentner, die in der Türkei überwintern und für 10 Wochen im Doppelzimmer mit Meerblick 2300 € zahlen. Im „Stephanus Wohnen und Pflegen“ am Weinbergsweg bekommt man dafür gerade mal eine Woche den Hintern abgeputzt.
Und scheiß Wetter – das allerdings gratis.
Ich kann die älteren Menschen verstehen, die lieber hierher kommen.

Mancher wird sich jetzt vielleicht fragen: Warum macht sie das nur? – Weil eine von diesen Rentnern meine Tante ist und diese dringend Nachschub an Duty Free Zigaretten, Schweden Krimis, Schokolade und Katzenfutter braucht. (Schokolade und Katzenfutter erkläre ich noch.)

Allerdings habe ich ihr diesmal nicht gesagt, dass ich komme. Es wird also eine Überraschung. Vielleicht auch für mich. Denn meine Tante reagiert manchmal nicht ganz vorhersehbar.
Es könnte passieren, dass sie mich sieht und sagt: “Was machst du denn hier? Ich wollte doch jetzt „Hart aber fair“ gucken.”
Falls das passieren sollte, setze ich mich einfach zu Heinz und Inge, Helga und Horst,
Manni und Margot an die Bar und stoße mit Glucose gepantschtem Sekt auf „Alles umsonst“ an.

Vorfreude!

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Auf der online Couch. Meine erste Webtherapie.

 

onlinetherNeulich suchte eine Bekannte über Facebook Freiwillige für eine psychologische Studie ihrer Uni. Da ich mit meiner Arbeit nicht weiterkam und nach Ablenkung suchte, fühlte ich mich sofort aus 3 guten Gründen angesprochen.

  1. kannte ich mich mit Therapie aus. Schon mit 16 war ich von meiner verzweifelten Mutter zu einem Psychologen geschliffen worden, nachdem selbst Tipps aus Ratgebern wie
    „Pubertät: Wenn erziehen nicht mehr geht” bei mir keine Wirkung gezeigt hatten. Damals war ich so leicht zu öffnen wie ein Gurkenglas mit eingecremten Händen. Selbst Frau Doktor Robbe gab irgendwann auf und steckte mich in ihre Gruppentherapie*. So konnte sie mich wenigstens weiter abrechnen, ohne mit mir reden zu müssen.
    Gott, war ich damals scheiße.
  2. war Web Therapy eine meiner Lieblingsserien. Lisa Kudrow (die Phoebe aus Friends) spielt darin die selbsternannte Psychotherapeutin Dr. Wallice, die via Skype 3 Minuten Sitzungen mit ihren Patienten abhielt. Länger nicht, denn danach fingen die Leute eh nur an von Verletzungen aus der Kindheit und so einem Quatsch zu erzählen. Was laut Dr. Wallice nun wirklich niemanden interessierte und auch zu nichts führte. Ich mochte diesen Therapieansatz und hoffte, dass meine Studie ähnlich kurzweilig ausfiel.
  3. hatte ich neben 50 anderer Erste-Welt-Probleme ein sehr drängendes, das mich zu diesem Zeitpunkt echt fertig machte.

Nachdem ich mein Anliegen, wie von der Bekannten gewünscht, kurz beschrieben und dem Institut gemailt hatte, wurde ich in das Programm mit folgenden Worten aufgenommen:

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Toll, ich war psycho genug für die Studie!
Ein paar Tage später meldete sich mein Therapeut bei mir und stellte sich nett vor. Ich überflog seine Email: Vielen Dank für das Interesse … Ablauf: 3 Termine á 45-60 Minuten… Chat evtl. noch Audio dazu … kurze Vorstellung: Bastian S., ich studiere im ersten Semester an der Uni Zürich…

What? Erstes Semester? So harmlos hatte man mein Problem eingestuft?
Sauerei! Das war doch total komplex. Dafür hatte ich den Dekan verdient. Mindestens.

Ich ermahnte mich: Judy, stop being so judgemental! (Meine übermäßigen Selbstgespräche auf Englisch hätten auch Behandlungspotential gehabt.Ich redete mir laut ein, dass jemand im ersten Semester auch schon einiges über Therapie wissen konnte. Warum wollte ich das nur nicht believen?

Wir machten einen Termin am Dienstag um 17 Uhr aus und ich erhielt von Basti den Zugang für ein online Coaching Portal namens CAI World .
Am verabredeten Tag loggte ich mich um Punkt 17 Uhr ein, ohne mir das Portal vorher angeguckt zu haben. Ich las die Buttons: COACHING. WISSEN. COMMUNITY. Ach du Scheiße, wo musste ich denn jetzt hin? Klick. ..Klick…Klick…KlickKlickKlick..KlickKlickKlickKlickKlickKlick.

Fünf Minuten zu spät stolperte ich in den Chatroom.

BS: Hallo Judy, bist du schon da?
ICH: Hallo Bastian, ja hab mich noch ein bisschen auf dem Portal umgesehen.

Dann noch etwas Small Talk zum Warmwerden und schon ging es los.

BS: Schildere doch nochmal in eigenen Worten dein Problem.

Machte ich und haute 10 Minuten in die Tasten ohne auch nur einmal auf den Bildschirm zu schauen. Als ich fertig war, blickte ich auf ca. 5000 Zeichen Gedankendurchfall. Dann tat sich erstmal nichts. Er las bestimmt. Konnte dauern – vor allem bei einem Schweizer. Ich fing an meine Tastatur zu säubern.

Immer noch keine Antwort. Was tat er? Mir hatte mal eine Therapeutin erzählt, dass sie bei einem Patienten immer solche Hungerattacken bekam, dass sie die ganze Sitzung über nachdachte, was sie sich später beim Bäcker holen würde. Vielleicht war mein Therapeut in die Küche gegangen, um sich ein Käsefondue zu machen? (Ja, ich hör schon auf mit den schlechten Schweizer-Witzen.)
Plötzlich tanzte ein kleines Stiftsymbol auf der Seite. Er schien zu schreiben. Ich schrubbte noch die QWERTZ Reihe fertig, dann las ich die Antwort.

BS: Danke für die ausführliche Beschreibung. Was erhoffst du dir von der Beratung?
ICH dachte: Ehrlich gesagt nicht viel, wenn du für jedes Wort 10 Minuten brauchst.
ICH schrieb: Etwas Hilfestellung, wie ich mein Problem lösen kann.

 Der Stift steppte wieder.

BS: Damit ich es besser verstehe: Was ist dein primäres Problem?

Gute Frage. Ich las noch mal was ich geschrieben hatte. War ja schon eine Weile her. Ich hatte herumgeheult, dass ich an einem TV-Projekt arbeitete, welches ich neben meiner eigentlichen Werbetexter-Tätigkeit vorantrieb. Es lief sogar schon so gut, dass ich Geld dafür bekam. Und obwohl ich es total mochte, drückte ich mich davor, es richtig fertig zu machen. Stattdessen nahm ich immer wieder gut bezahlte Werbejobs an, die mich von der Fertigstellung meines Herzensprojekts abhielten.

Hallo?! Das war mein beschissenes Problem? Das konnte echt nicht mein Ernst sein.
Ich antwortete auf Bastians Frage.

ICH: Oh, Zeit ist schon fast um. Ich muss jetzt weg. Können wir das in der nächsten Sitzung besprechen?
BS: Ok.

Dann machten wir einen neuen Termin aus und meldeten uns bei CAI ab.
Eine Sekunde später öffnete ich mein Projekt und schrieb es in 3 Tagen am Stück fertig.

In der nächsten Sitzung behielt ich diese Information aber noch für mich und klebte, wie von Basti gewünscht, bunte Zettel mit meinen Stärken auf eine digitale Tafel. Super, was ich alles konnte. Oder besser gesagt vorgab.

In der dritten und letzten Therapiestunde berichtete ich Bastian gleich zu Anfang von meinem Erfolg. Ich hatte keine Lust nochmal 45 Minuten die Bekloppte zu spielen, obwohl ich das immer sehr gut konnte. (Das musste auch noch auf die Stärken-Tafel!). Ich bedankte mich artig für die Hilfe und würgte die Sitzung ab.

Im Fragebogen zur Studie gab ich Basti auf einer Skala von 1 bis 10 eine glatte 9.
Einen Punkt musste ich ihm für das langsame Mit-einem-Finger-Tippen abziehen. Aber sonst war der Erstsemester sehr kompetent. Er hatte ja mit einer einzigen Frage mein Problem gelöst.
Und damit auch Dr. Wallices Ansatz gestützt, dass jeder nach 3 Minuten nur noch Mist redet und sich in einer irrationalen Problemspirale hochschraubt.
Menschen mit pathologischen Störungen natürlich ausgenommen.
Aber dazu gehöre ich ja nicht. – Not yet.

 

*Jeden Dienstag versammelten sich folgende Gruppentherapie-Teilnehmer im Stuhlkreis:
Diether, ein Lehrer, der seit 30 Jahren verheirateter Familienvater war.
Problem: Alkoholismus und unterdrückte Homosexualität
Martin, ein gutaussehender Anwalt aus einer Juristen-Familie
Problem: Er war kein Anwalt. Aus Prüfungsangst hatte er nie Examen gemacht und
es keinem gesagt.
Gisela, eine schmale, angespannte 55-jährige Hausfrau.
Problem: Schmerzpatientin. Sie hasste ihr Mutter-Beimer-Dasein so sehr, dass sie vom permanenten Zähnezusammenbeißen schlimme Kieferprobleme hatte.
Judy, eine 16-jährige Schülerin mit selbst gestochenem Nasenring, schwarz gefärbten Haaren, grünen Dreads, Kuhfellhose und roten 10Loch-Docs.
Problem: Geschmacksverirrung sowie hormonell bedingter Dachschaden.
Auch wenn sie nur als bockiger Gasthörer dort saß, lernte sie früh, dass es hinter vielen schönen Fassaden ziemlich traurig aussah. Vermutlich hat sie das gegen sämtliche
Happy-Life-Bilder auf Facebook immun gemacht.

 

 

 

 

Keine weiteren Fragen! Dem Strafverteidiger über die Schulter geschaut

anwalt

Kurz vor Weihnachten absolvierte ich ein Zwei-Tage-Praktikum in einer Strafrechtskanzlei. Eins kann ich schon vorweg nehmen: Einen Tag länger und ich hätte meinen Glauben an die Menschheit verloren. Einige von uns verhalten sich wirklich wie Affen auf einem großen Stein.

Nachdem ich die Verschwiegenheitserklärung unterschrieben und mit einer Mandarine vollgekleckert hatte, wurde mir von meiner betreuenden Anwältin eine Auswahl an „interessanten“ Fällen vorgeschlagen: Mord an einer Schwangeren. Anstiftung zum Mord.
Oder versuchter Totschlag. Da ich außer der Mandarine noch nichts im Magen hatte, das mir hätte hoch kommen können, entschied ich mich für den schwangeren Mord.

Fall 1 „Die schwangere Frauenleiche“

Vorne in der Akte befand sich die Anklage des Staatsanwalts. Das las sich wie die Inhaltsangabe auf dem Buchrücken eines Krimis. Nur dass der Staatsanwalt kein Håkan Nesser war. Zum Glück. Denn selbst bei der völlig nüchternen, adjektivarmen Beschreibung der Tat, bekam ich eine Gänsepelle. Wenn das noch literarisch ausgeschmückt worden wäre, hätte meine Praktikumsbetreuerin den Ordner mit Mandarinen-Erbrochenen in den Schrank zurückstellen können. Nur so viel zum Fall (Verdammte Schweigepflicht!): Der Angeklagte soll seine Ex-Affäre, die im 6. Monat schwanger war, auf einem entlegenen Parkplatz getroffen, in ihrem Auto erstickt und dann auf einem Feld angezündet haben. Grund laut Prozessakte:
Er wollte noch kein Vater werden.

Die Auseinandersetzung mit der Frau und die Planung der Tat sollen detailliert durch WhatsApp und Facebook dokumentiert sein. Kurz vorher soll ein Bekannter die Frau per SMS noch gefragt haben: „Muss ich mir Sorgen machen?“ Ihre unbedarfte Antwort: „Nö“.

Nachdem der mutmaßliche Täter die Frau erstickt haben soll, soll er sie auf ein Feld gekarrt, mit einem Kanister Benzin übergossen und angezündet haben. Im Anschluss daran soll er versucht haben sich ein Alibi zu verschaffen, indem er seine sporadischen Beischlaf-Bekanntschaften kontaktierte, allerdings ohne Erfolg.

Das Ganze war also vermutlich passiert, weil der Mann kein Vater werden wollte. Wäre er auch gar nicht. Im Obduktionsbericht wurde seine Vaterschaft ausgeschlossen. Darunter das Foto der verbrannten Mutter und ihrem unversehrten Embryo.

Hier die volle Berichterstattung.

Puh … Krass … Wtf?

Nach dieser Tragödie bat ich meine Betreuerin um etwas Leichteres. Sie reichte mir die Akte des Maskenmörders. Sehr witzig! Doch Frau Anwältin versicherte mir, dass es nur von der Presse so aufgebauscht worden war. Es gab hier keine Leiche. Na gut!

Fall 2 „Der Maskenmörder“

In der Tat dieser Fall war so dumm eingefädelt, dass er schon fast lustig war. Er verlief laut Akte ungefähr so: Ein Mann ging mit seiner Frau in den Swingerclub. Sie machten ein bisschen Partnertausch. Er traf dabei eine alte Schulfreundin wieder und dachte sich. „Ach, warum machen wir denn nicht auch zuhause Partnertausch? So für immer?“ Also, zog die alte Bekannte mit dem Mann in die obere Etage. Die Ehefrau und fünffache Mutter blieb unten in der Wohnküche. Immer wenn die zwei Lust auf Herumswingern hatten, durfte die Ehefrau das Mettigel-Buffet dazu anrichten. Getreu dem Motto: Alles kann, nichts muss. Jeder nach seiner Façon.

Und ganz nach ihrer Façon soll die eifersüchtige Gattin dann jemanden angeheuert haben, der die Nebenbuhlerin um die Küchenzeile bringen sollte. Für 200 €. Dass sie für das Geld keinen Profi bekam, überrascht kaum. Ihr Auftragsmörder hatte laut Gutachten einen IQ von 65. Sie soll ihm den Schlüssel zu der Swinger-Wohnung gegeben haben, so dass er sich unbemerkt mit einer Maske, wie in seinem Lieblingsfilm Saw, hinter der Wohnzimmertür versteckt haben soll. Als die Nebenbuhlerin nach Hause kam, soll er ihr beim Jacobs Krönung trinken die Kehle aufgeschnitten haben. Allerdings nicht tief genug, weshalb sie noch: „ Jetzt aber raus hier!“ geschrien und ihm die Maske heruntergerissen haben soll. Der Rest war nicht all zu schwierige Polizeiarbeit. Der Täter gab ein Geständnis ab. Sich eine schlüssige Lügengeschichte auszudenken, hätte ihn vermutlich geistig auch überfordert. Er wurde zu fünf Jahren und drei Monaten verurteilt.

Hier das Interview mit seinem sympathischen Verteidiger.

Ok, dieser Fall schien wirklich nicht so krass wie der erste. Obwohl auch die klaffende
Acht-Zentimeter-Schnittwunde des Opfers alles andere als harmlos aussah.
Was mich allerdings noch mehr als der Mordversuch irritierte, war der unkontrollierte Sextrieb in dieser Familie. Neben Partnertausch und Herumswingern, kam auch noch Sex mit Minderjährigen in der Dachkammer zur Anklage. Alles ganz offen und schamlos ausgelebt. Selbst der Fritzl hatte so etwas heimlich im Keller gemacht. Mir kam ein politisch-unkorrekter Gedanke: Vielleicht sollten manche Menschen erst mal einen Führerschein für ihre Geschlechtsteile machen.

Ich schloss die Akte und fragte die Kollegin, was es als nächstes gab. „Mittag in der Martinsstube.“  Gott sei Dank! Der Weg dorthin würde mir etwas Erholung bringen.
Doch beim Passieren einer Schlachterei fiel meiner Bewährungshelferin ein weiterer guter Fall ein. Eingeleitet mit den Worten „Apropos Mett“.

Fall 3 „Der Fleischer“

Diese Tat stand in einer Ausgabe der Neuen Juristischen Wochenzeitschrift.
Ein ausgebildeter Fleischer besuchte schon etwas angesoffen seine ältere Nachbarin. Sie tranken und rauchten friedlich zusammen. Plötzlich drehte der Mann aus ungeklärten Gründen durch und verprügelte die Frau so sehr, dass sie mehrere Schädelbrüche erlitt. Er zog ihr die Kleidung bis zu den Kniekehlen herunter und griff seinem bewusstlosen Opfer in den Anus, unterarmtief. Dann riss er ihr den gesamten 130 cm langen Dünndarm heraus und wickelte ihr das Gedärm um den Hals. Da der Artikel schon eine Weile her war, konnte sich meine Juristin nicht mehr so genau an alle Details erinnern. Wie Schade!

In der Martinsstube stand Blutwurst und Geschnetzeltes auf der Mittagskarte. Die Auswahl an Gerichten, die ich nun nicht mehr essen wollte, war gigantisch. „Für mich nur einen Schnaps! Danke.“

Nach der Mittagspause durfte ich endlich meine Fähigkeiten als Praktikantin unter Beweis stellen und Kaffee holen. Nach erfolgreicher Erledigung meines Auftrags und einem positiven Vermerk in meinem Praktikumszeugnis fuhren wir zum nächsten Fall. Ohne die Koffeininfusion wäre ich bei dem Thema sonst auch eingeschlafen: Selbstanzeige beim Finanzamt.
Sechs Aktenordner Steuerunterlagen, zwei Steuerexperten, ein freundlicher Mandant und ein trauriger Gummibaum warteten in einem grauen Steuerbüro auf uns. 

Ich hätte lieber das psychologische Gutachten des Maskenmörders gelesen, aber meine Anwältin versicherte mir, dass ich auch hier auf meine Kosten kommen würde.

Fall 4 „Huch, da ist ja auch noch Geld“

Ein mittelalter Mann kam mit einer mittelalten Frau zusammen. Es gab Ex-Ehepartner und Kinder zu unterhalten, deshalb lebte das Paar in bescheidenen Verhältnissen. Sogar die Waschmaschine sparte man sich. Als Nachkriegskinder waren die beiden es gewohnt mit wenig auszukommen. Nach zehn Jahren starb die Frau, der Mann erbte. Neben einer kleinen Witwerrente kamen plötzlich noch bescheidene zwei Millionen Euro hinzu. Verteilt auf mehrere Schweizer Konten. Da Anfang 2015 ein strengeres Steuergesetzt in Kraft tritt, (Schönen Gruß an Herrn Hoeneß!) musste der Erbe so schnell wie möglich herausfinden
a) wie hoch das Vermögen war b) wo es herkam und c) ob es versteuert worden war.

Er hatte keine Ahnung, dass seine Partnerin, während sie in der Badewanne die Socken wusch, wild mit Risiko-Aktien spekulierte und wie ein Eichhörnchen horrende Summen in der Schweiz hortete. Vermutlich hatte sie gehofft, dass ihr letztes Hemd doch Taschen hatte und sie im Himmel mit der ganzen Kohle Jahrmarkt feiern konnte.
Das Steuerbüro hatte mehrere Wochenenden durchgearbeitet, um alle Geldvorräte in der Schweiz zu finden und zuzuordnen. Die Anwältin half bei der Selbstanzeige. Nachdem alle nachträglichen Steuererklärungen und Formulare von dem Mandanten unterschrieben worden waren, stöhnte er: „Nie wieder eine Frau!“ Gelächter ging durch’s Steuerbüro.

Am Ende meines ersten Praktikumstages dröhnte mein Kopf. Ein Knäuel aus Fragen, Irritation, Unverständnis, Mitleid und Ekel hatte sich unter meiner Schädeldecke gebildet. Ich fragte meine Bewährungshelferin: „Wie hältst du das nur aus? Wie kannst du diese offensichtlich völlig gestörten Menschen und ihre bestialischen Taten nur verteidigen?“

Sie atmete aus und hielt ihr Plädoyer: „Egal, was diese Leute getan haben, sie haben das Recht auf einen fairen Prozess. Sie dürfen nicht der Willkür eines Richters oder Staatsanwaltes ausgesetzt sein. Ich kontrolliere, dass die Strafprozessordnung eingehalten wird und sie eine gerechte Strafe bekommen.“ Pause.

Sie setze nochmal an: „Und ertragen kann man das alles nur mit einer großen Portion Humor. Kennste den? Unterhalten sich zwei Juristen. Sagt der eine: Na, wie geht’s? Sagt der andere: Scheiße, ich kann nicht klagen.“

Prozessordnung